Neues aus dem Projekt

Zwischenergebnisse

Stand: 1. Januar 2006

Lernereigenschaften und Lernertypen


Lernerfolg hängt von recht stabilen individuellen Lernereigenschaften wie z.B. Erfolgszuversicht, Verfügung über zielführende Lernstrategien und grundsätzliche Einstellungen zum Lernen stärker ab als vom didaktisch-methodischen Arrangement. Er wird begünstigt, wenn den Teilnehmenden der Nutzungsaspekt klar ist und im Seminar selbst der Transfer in die Alltagspraxis geübt wird. Für die Qualifizierung der Dozenten in der Erwachsenenbildung drängt sich ein Schwerpunkt bei der Förderung der Lernfähigkeit und Selbstlernkompetenz an. Sie muss langfristig angelegt sein, weil es ein langfristige Aufgabe ist, etwa Lernskepsis in Lernzuversicht umzuwandeln. Einrichtungen sollten deshalb in ihren Kursplanungen die Stofffülle zugunsten der Thematisierung von Lernprozessen reduzieren. Nicht das methodische "Feuerwerk" ist entscheidend, sondern die individuelle Förderung des einzelnen Lerners.

Das Problem der Lernerfolgsmessung

Aus Sicht der Teilnehmenden wird Lernerfolg in erster Linie dann konstatiert, wenn "alles verstanden worden ist". Implizit gehen sie davon aus, dann auch alles gelernt zu haben. Allerdings will nur eine Minderheit dieses Ergebnis tatsächlich nachprüfen. In der Beurteilung des eigenen Lernerfolgs besteht die Tendenz zum Besten, in aller Regel wird er mit "gut" bis "sehr gut" eingeschätzt. Interessanterweise ergibt die Lernerfolgsmessung durch die Kursleitenden eine ähnliche Tendenz zum durchweg Positiven.


Allerdings führt die Lernerfolgskontrolle im Methodenrepertoire der Kursleitenden ein Schattendasein. Wenn überhaupt, werden Tests durchgeführt, die zwar erworbenes Wissen abfragen, aber keinen prägnanten Bezug zu den Lernzielen des Kurses aufweisen. Hier zeigt sich ein Desiderat für die Erwachsenenbildung, nämlich einerseits Lernerfolgsmessungen in Passung zu den Lernzielen zu entwickeln, verstärkt neue Formen wie Portfolios, Lerntagebücher und Probehandeln einzuführen und die Lernerfolgsmessung nicht als Kontroll-, sondern als Beratungsinstrument zu nutzen.


Die Bedeutung von Gerechtigkeitsannahmen

Der Fragebogen FELTE enthält sechs Items, mit denen die Gerechte–Welt-Überzeugungen der Teilnehmenden gemessen werden können. Dabei geht er davon aus, dass Menschen ein tief verwurzeltes Bedürfnis haben, in einer gerechten Welt zu leben und – bildlich gesprochen – zu bekommen, was sie verdienen und zu verdienen, was sie bekommen. Das gilt auch fürs Lernen: Wer  glaubt, sich in einem gerechten Umfeld zu bewegen, hat größere Chancen, Lernen als stimulierend und wertvoll zu erleben, wird eher einen Sinn in seinen Anstrengungen sehen und schließlich auch gute Resultate erzielen. Soweit die Theorie. In der Tat zeigt die Auswertung von FELTE, dass eine negative Gerechtigkeitsannahme mit einer resignativen Sicht auf das Lernen und mit allgemeiner Lernskepsis verbunden ist und umgekehrt die Überzeugung von einer gerechten Welt mit Lernoptimismus und festem Vertrauen in die eigenen Lernkapazitäten einhergeht. Die Zusammenhänge gehen sogar noch weiter: Gerechtigkeitsüberzeugungen korrespondieren mit den für Lernerfolg so entscheidenden metakognitiv akzentuierten Kontroll-  und Regulierungsprozessen, während die grundsätzliche Überzeugung von der Ungerechtigkeit der Welt eher ungesteuerte Denkaktivitäten und damit ungünstigere Lernvoraussetzungen begünstigt.


Informelles Lernen

Informelles Lernen wird im Projekt "VaLe" als selbstreguliertes Lernen verstanden, das außerhalb der Bildungsinstitutionen und ohne deren Unterstützung stattfindet und deshalb ein hohes Maß an Selbstlernkompetenz fordert. Der typische informelle Lerner weist die Tendenz auf, sich immer wieder vom konkreten Gegenstand weg und reflexiv zu sich und seinen Verhaltensweisen  zu wenden. Zu denen gehören ausgeprägte Neugier und Durchhaltevermögen bei Lernschwierigkeiten. Die Bereitschaft, an Kursen der allgemeinen oder beruflichen Weiterbildung teilzunehmen, ist eher gering. Vor allem wegen der Heterogenität der Lerngruppen erscheinen sie dem informellen Lerner wenig attraktiv, häufig wird er eher unter- als überfordert. Für die Institutionen stellt sich die Frage, ob auch solche Lerner als Klientel gewonnen werden können, etwa indem man ihnen einen Beratungsservice bei nicht zu behebenden Lernschwierigkeiten  anbietet, der situativ in Anspruch genommen werden kann.


Der Einfluss der Lernumgebung auf den Lernerfolg

Es hat sich als gangbarer Weg bei der Beschreibung der Lernumgebungen erwiesen, zuerst im Wortsinne des Begriffs die konkrete Gestaltung der Räume zu beschreiben, in denen Kurse und Seminare stattfinden. Denn in der Anordnung der Stühle, der verfügbaren technischen Ausstattung und der Wahl des Lernorts realisieren sich methodisch-didaktische Entscheidungen, das Selbstverständnis der Kursleitenden, Bildungsziele der Institution und Beteiligungsmöglichkeiten der Teilnehmer. Über alle Mischformen hinweg lassen sich person-, tätigkeits-, wissens- und reflexionszentrierte Lernumgebungen voneinander abgrenzen. Auffällig ist, dass sie oft inSpannung zu den propagierten Kurs- und Seminarzielen stehen. So werden beispielsweise in der beruflichen Bildung tätigkeits- und kompetenzzentrierte Lernumgebungen suggeriert, während sie tatsächlich im Hinblick auf einen anstehenden Abschlusstest  dozentenorientiert gestaltet und auf die Vermittlung von abprüfbarem Wissen abgestellt ist. Die Aussichten, auf diesem Wege langfristigen Lernerfolg zu erzielen, sind gering, weil das angehäufte "träge" Wissen nach der Prüfung leicht wieder in Vergessenheit gerät.

 

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